Interview über Teilhabe Behinderter

Interview

Teilhabe Behinderter mit und ohne Migrationshintergrund

Der Mitarbeiter Stefan Kopper gab der Online Plattform Welt in Hannover ein Interview.

Stefan arbeitet seit 2015 bei Welt-in-Hannover.de mit und hat bereits einige Artikel für das Journal geschrieben. Nach seiner Ausbildung zum Bürokaufmann bewarb er sich initiatv beim Verein für Körper-und Mehrfachbehinderungen Hannover (Stefan ist selbst stark sehbehindert) und wurde dort im April 2016 eingestellt. Der Verein eröffnete mit ihm als Verwaltungskraft am 01.04.2016 eine Beratungsstelle für Menschen mit Behinderungen. Sie heißt Beratung für Menschen mit Behinderungen Hannover und Region Dort berät er täglich Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. WiH befragte ihn zu den Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit seiner Organisation.

WiH: Das Büro, in dem du aktuell arbeitest, ist in der Nordstadt. Wie groß ist euer Einzugsgebiet?
Stefan: Wir sind Ansprechpartner für Behinderte in ganz Hannover einschließlich der Region. Also von Garbsen bis Patttensen beraten wir ‚alles, was reinkommt‘.

WiH: Was genau macht eure Beratungsstelle?
Stefan: Unsere Beratung umfasst alle Fragen, die für Menschen mit Behinderungen wichtig sind. Sollten wir mal nicht der richtige Ansprechpartner sein, versuchen wir, die Fragen durch Erkundigungen zu klären oder den richtigen Ansprechpartner zu finden. Allerdings nur, wenn der/die Betroffene das auch möchte. Wir arbeiten eng mit Behörden und Vereinen zusammen, um die beste Lösung zu finden. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der beruflichen Teilhabe. Hier finden wir beispielsweise im Gespräch mit den Behinderten zusammen heraus, was sie anstreben und was für sie beruflich möglich wäre. Zum Beispiel beim Übergang Schule/Beruf. Wir sind zuständig für ganz Hannover und Region und vernetzen uns mit den diversen Stellen. Wir beraten jeden, der zu uns kommt, im Rahmen unserer Möglichkeiten.

WiH: An dieser Stelle sollten wir erst einmal klären, wofür ihr nicht zuständig seid. Manche Menschen haben anscheinend völlig utopische Vorstellungen von euren Möglichkeiten.
Stefan: Manche, die zu uns kommen, wollen einen Behindertenausweis von uns. Oder sie denken, dass wir ihnen eine Wohnung vermitteln können. Wir helfen gerne beim Ausfüllen von Formularen, klären über Behindertenrechte auf und geben Kontaktadressen weiter. Außerdem wissen viele nicht, dass ein Behindertenausweis keine direkte Geldeinnahme bedeutet. Hier besteht oft großer Beratungsbedarf.

WiH: Wer ist euer Trägerverein?
Stefan: Wir sind ein Projekt von Aktion Mensch e.V., wir sind außerdem organisiert bei Unabhängige Beratung , unser Budget ist allerdings eng bemessen, deshalb sind wir sehr um Vernetzungen mit anderen Organisationen und Ehrenamtlichen bemüht. Das Gute ist, wir beraten unabhängig.

WiH: Was bedeutet das genau?
Stefan: Wir sind keiner Organisation gegenüber verpflichtet, deren Angebote wir bevorzugt anpreisen. Die Behinderten sollen bei uns völlig selbstbestimmt entscheiden, was sie in Anspruch nehmen wollen.

WiH: Bekommst du auch Fortbildungen in deinem Bereich?
Stefan: Ich besuche gerade eine Weiterbildung zum Peer Counselor bei bifos e. V.

Hinweis von wikepedia:
Peer-Beratung (englisch: peer counseling) bezeichnet die Beratung durch Menschen mit denselben Merkmalen bzw. in derselben Lebenssituation wie der Beratene. Im deutschen Sprachraum wird der Begriff heute u. a. in Verbindung mit Menschen mit Behinderung, mit psychischen Problemen, bei Jugendlichen, bei Studierenden und im LGBT-Bereich verwendet.

WiH: Geht ihr auch zu den Menschen nach Hause, wenn sie Schwierigkeiten haben, zu euch zu kommen, zum Beispiel wegen körperlicher Behinderungen?
Stefan: Ja, das machen wir natürlich auch. Oft ist es wichtig, die Menschen in ihrer eigenen häuslichen Umgebung zu beraten, um besser die Bedürftigkeit einzuschätzen.

WiH: Wie finden euch die Menschen? Wie ist eure Öffentlichkeitsarbeit?
Stefan : Wir sind zum Beispiel immer präsent auf der Inklusionsmesse im Pavillion, beim Markt der Möglichkeiten mit Mittendrin e.V. und beim Down-Syndrom Hannover e. V. Wir machen auch selbst immer wieder Veranstaltungen, die eine sehr gute Resonanz haben. Außerdem haben wir eine eigene homepage und ich pflege unsere Seite bei facebook .
Unsere Vernetzung ist zudem großflächig und beinhaltet die großen Einrichtungen im Bereich Wohnen, Berufsbildung und Schulbildung. Stadt Hannover – Sachgebiet Wohnraumversorgung, Wohnungsvermittlung und Wohnberechtigungs­scheine Region Hannover – Sozialmedizin und Teilhabeplanung / Beratungsstelle Hannover-Mitte Stadt Garbsen – Sozial- und Seniorenberatung
Region Hannover. Wir sind außerdem mit Anbietern vernetzt, die Assistenzleistungen anbieten.

WiH: Welche Problematiken tauchen bei Behinderten mit migrantischem Hintergrund auf – abgesehen von Sprachproblemen.(Über Geld für Übersetzer verfügt die Beratungsstelle nicht, daher müssen die Menschen eigene Übersetzer mitbringen oder ehrenamtliche müssen gesucht werden.)
Stefan: Die Probleme, die wir neben den Sprachbarrieren haben, sind, dass viele Migranten weniger als 15 Monate in Deutschland sind und meist noch keine Aufenthaltsgenehmigung haben. Asylbewerber und Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung bekommen normalerweise keine Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung. Für sie ist es ratsam, zunächst zu einer Beratungsstelle für Flüchtlinge zu gehen. Und dort sollten sie schon beim ersten Gespräch sagen, dass es nicht um Geldleistungen geht, sondern um Hilfsangebote.

WiH: Du warst vor deiner Stelle ehrenamtlich bei WiH. Meinst du im nachhinein, dass dir das bei der Arbeitssuche geholfen hat?
Stefan: Es hat mir in jedem Fall geholfen, dass ich vorher ehrenamtlich bei WiH tätig war. Wegen der Vernetzung und weil es immer einen guten Eindruck macht bei Bewerbungen. Es steht etwas im Lebenslauf. Und es hilft einem immer auch persönlich, weil eine geordnete Tagesstruktur erhalten bleibt.

WiH: Unterdessen hast du selbst auch für behinderte Menschen ein Bewerbungsseminar gegeben, in dem du deine Erkenntnisse weitergegeben hast.
Stefan: Ja, ich empfehle allen, die nur noch “abhängen”, ohne einen sinnvollen Tagesverlauf zu finden, sich irgendwie ehrenamtlich zu engagieren.

WiH: In diesem Sinne: Kommt zu www.welt-in-hannover.de